{"id":135,"date":"2020-04-14T15:27:06","date_gmt":"2020-04-14T15:27:06","guid":{"rendered":"http:\/\/thomaslang.net\/?p=135"},"modified":"2021-05-03T10:21:02","modified_gmt":"2021-05-03T10:21:02","slug":"zwei-meter-abstand","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/thomaslang.net\/?p=135","title":{"rendered":"Zwei Meter Abstand"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-right\">M\u00fcnchen, 1.4.2020<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Lieben alle,<\/p>\n\n\n\n<p>ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich mal heule, wenn irgendein Regierungschef was sagt. Aber gestern, als G. Conte der Tagesschau ein Interview gab, hatte ich Tr\u00e4nen in den Augen. Es war es beinah schon egal, was er sagte. Hinter ihm die zwei maskierten M\u00e4nner und die Frau, die italienische Fahne auf Halbmast. Das waren die Bilder. Beinah 12000 Tote. Das war die Zahl. Die Zahl ist nutzlos, ihre Halbwertzeit liegt bei zw\u00f6lf Stunden. Ich war auch nie der Fahnentyp, das ist mir zu emblematisch, zu offiziell, zu dick. An diesem Abend war es einfach der k\u00fcrzeste Weg, um Schei\u00dfe zu schreien. Es ist ganz klar egal, ob wir die Toten nach Heimen, Landkreisen, L\u00e4ndern oder Kontinenten z\u00e4hlen. Jeder von ihnen ist einer zu viel. Jeder schmerzt, und wenn mir einer sagt, wie viele Leute an der Grippe sterben, ohne dass wir dar\u00fcber reden, wie viele Leute sowieso t\u00e4glich sterben, dann m\u00f6chte ich ihm die Fresse polieren. Jeder Tote ist, verdammt!, zu viel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben Freunde in Mailand, sie sind seit vielen Wochen eingesperrt, eine alte Mama im Haus, die sorgf\u00e4ltigst isoliert wird, um nicht krank zu werden. Kinder im Haus, sechzehn und achtzehn, die online Unterricht nehmen. Wir h\u00f6ren nicht viel voneinander, man kann ja nicht gut reden oder schreiben, die Freude fehlt und manchmal auch der Mut. Kauft Masken, schrieb unsere Freundin von dort. Sie ist Architektin, sie ging noch eine Zeitlang auf die Baustellen, jetzt ist sie auch daheim. Was macht es mit den Leuten, wenn sie wochenlang quasi unter Arrest stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei mir kitzelt es die Hysterie. Ich bin versessen auf die Zahlen, die Stunde um Stunde steigen, ich bin versessen auf alles, was das Internet mir in den Kopf sp\u00fclen will. Es ist besser als nichts. Ob es mich beruhigt, bezweifle ich. Morgens sitze ich in der K\u00fcche, ich stehe immer als erster auf. Ich mache mir einen Kaffee und ein M\u00fcsli, stelle das Radio an. Es ist eine Routine. Dann schie\u00dfen mir die Tr\u00e4nen in die Augen. Bei irgendeiner kleinen Nachricht, manchmal bei etwas, das mir tr\u00f6stlich scheint, bei dem ich mich f\u00fchlen kann, als g\u00e4be es da Leute, die was tun. Oder wieder bei den Nachrichten. Wir haben Freunde in New York, die an den Unis sind, die ihre Jobs behalten haben, die gesund sind. Aber Gesundsein ist ein Gut auf Abruf. Die Heulerei geht mir schon auf den Sack, ich rappel mich zusammen. Nachher werd ich f\u00fcr meine J\u00fcngste Lehrer spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Nachbarin, die allein lebt, hat seit einer OP etwas engeren Anschluss an unsere Familie. In ihrer Rekonvaleszenz war sie ein paar Mal zum Essen da, ab und zu benutzt sie unseren Backofen \u2013 solche Dinge. Ein paar Tage, nachdem die Ausgangsbeschr\u00e4nkung inkraftgetreten ist, kann ich es nicht mehr leiden, dass sie bei uns ein- und ausgeht. Hat sie nicht vor einer Woche noch in der Gastronomie gearbeitet? Eine Hochrisikoperson. Es regt mich auf, dass sie noch reinkommt, es regt mich auf, dass es meine Frau nicht aufregt. Es regt mich auf, dass mich das aufregt. Schon wieder k\u00f6nnte ich heulen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das meine ich mit Hysterie. Aber eigentlich, vielleicht mit etwas mehr Dulden verbunden, handelt es sich um Melancholie. Der Schmerz \u00fcber die Welt, die wir nicht \u00e4ndern k\u00f6nnen, die immer noch so viel gr\u00f6\u00dfer ist und st\u00e4rker als wir Menschen. Die Resignation, die sich nicht zum Einverst\u00e4ndnis wandeln will. Es ist nicht gut so. Das ist nicht gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Vormittags bin ich jetzt Lehrer, nachmittags versuche ich zu schreiben. Meine Frau hat noch Arbeit. Mir wurde ein Stipendium zugesprochen. Beides zusammen h\u00e4lt uns vorerst \u00fcber Wasser. Vorerst sind wir versorgt. Ein Freund von mir schreibt, dass sich mit seinem Buch fast nichts mehr tut. Anfang M\u00e4rz, bei der Premiere, waren 300 oder 400 G\u00e4ste (das schien damals noch m\u00f6glich, ungef\u00e4hrlich, aber Husten war schon nicht mehr ok, man wurde grimmig angeschaut). Ein anderer schreibt mir, dass er seine Lektorin nicht sprechen will. Er bef\u00fcrchtet, dass sein Roman im Herbst erst gar nicht mehr erscheint. Eine Freundin muss die Er\u00f6ffnung einer Ausstellung auf eine Website verschieben, ein weiterer Freund stellt gerade im \u00f6ffentlichen Raum aus. Nur einen \u00f6ffentlichen Raum gibt es gerade nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich esse mehr, ich trinke&nbsp; mehr, ich sehe wieder fern. Ich mache wenig Sport. Wahrscheinlich habe ich zugenommen. Ich lass mich treiben. Auch hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist niemand krank, den wir kennen. Es kennt niemand jemanden, der jemanden kennt, der krank ist. Andererseits: wissen wir es? Man k\u00f6nnte \u201ees\u201c (gehabt) haben, ohne es zu merken. Man k\u00f6nnte andere angesteckt haben oder es noch tun. Man k\u00f6nnte vor der Kontaktsperre mit jemandem zu lange zusammengesessen haben. Meine halbe Familie war zum Skifahren in S\u00fcdtirol, die j\u00fcngste hatte nachher Fieber (aber insgesamt keine passende Symptomatik). Sie ist seit dem 22. Februar nicht mehr in der Schule. Dann wurden die Schulen zugemacht. Die Lehrer schicken Materialien, ich sitze mit ihr da und unterrichte: Englisch, Deutsch, Mathe, Franz\u00f6sisch. Bio, Musik, Geschichte. Und noch mehr. Wie erkl\u00e4re ich einer Sechstkl\u00e4sslerin, wann im Englischen die Verlaufsform, Vergangenheit, verwendet wird? Ich mache das nach Gef\u00fchl und sicher \u00f6fters falsch. Wann haben Sie zum letzten Mal den Fl\u00e4cheninhalt von Trapezen berechnet? Und was stand noch mal f\u00fcr die Patrizier, der Magen oder die Glieder? Jedenfalls lerne ich viel. Die \u00c4ltere lernt allein oder in Videogruppen. Sie hat einen B\u00e4nderriss vom Skifahren mitgebracht, wird heute operiert. Besuchen d\u00fcrfen wir sie nicht. Verdammt, schon wieder habe ich Tr\u00e4nen in den Augen, als ich sie vorsichtig umarme: Alles Gute! Da geht sie aus der T\u00fcr, ich darf nicht mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lerne mich neu kennen. Ich fahre ins B\u00fcro, ein paar Stunden Konzentration, wenn es gut geht. Ich fahre mit dem Rad. Ich begegne dort niemandem oder vielleicht zwei Mal die Woche auf dem Gang einem Menschen, mit f\u00fcnf Metern Abstand und f\u00fcr eine Minute. Vor der T\u00fcr sitzt eine Frau, sie scheint da essen zu wollen. Ich steige vom Rad, schlie\u00dfe umst\u00e4ndlich ab, sie hat genug Zeit, aber sie bleibt sitzen. \u201eK\u00f6nnten Sie ein wenig zur Seite r\u00fccken?\u201c, frage ich sie. Sie schaut mich durchdringend an. Sie \u00fcberlegt etwas, vermutlich, was f\u00fcr ein Arschloch ich bin, ein gro\u00dfes oder ein richtig gro\u00dfes. Da sie nicht antwortet, fahre ich fort: \u201eWollen sie nicht?\u201c, bereit, mich tapfer an ihr vorbeizuquetschen. Sie mault, steht aber auf. \u201eEs k\u00f6nnte ja auch sein, dass es <em>Sie<\/em> st\u00f6ren w\u00fcrde, wenn ich so dicht an Ihnen vorbeigehe. Dar\u00fcber k\u00f6nnen wir uns doch verst\u00e4ndigen\u201c, versuche ich es immer noch. Ihre braune Brotzeitt\u00fcte, in der, dem Umriss nach zu urteilen, etwa eine Plastikschale mit einem Salat stecken k\u00f6nnte, liegt noch da, obendrauf ein Schweizer Messer. \u201eIch glaube nicht, dass wir uns verst\u00e4ndigt haben\u201c, sagt sie giftig und ich, indem ich den Zahlencode eintippe und die summende T\u00fcr aufdr\u00fccke, gebe zur\u00fcck: \u201eDas glaube ich auch. Insofern passt es dann ja wieder.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin unendlich sauer. Warum fordert sie mich so heraus? Zu anderen Zeiten h\u00e4tte Sie mich auch gest\u00f6rt, f\u00fcr mich ist ein Gebot der H\u00f6flichkeit, Wege oder T\u00fcren freizugeben. Aber jetzt macht es mich w\u00fctend, ein Affront, ich will, dass alle sich verhalten wie ich und R\u00fccksicht nehmen. Es ist keine drei Wochen her, da habe ich gefeixt, als hinter mir an der Supermarktkasse eine Frau den wiederum hinter ihr Stehenden angiftete: \u201eHalten Sie Abstand!\u201c Jetzt kann ich es selbst nicht leiden. Zwei Meter sind, genau genommen, noch zu nah. Kommt mir da jemand auf dem Radweg entgegen? Todesstrafe! Husten? Zehn Jahre Gulag. Erstaunlich, was alles in mir drin steckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Eltern sind 90 Jahre alt, sie leben im Bergischen, NRW, das ist kein Hotspot, wie man nun sagt. Sie sind so alt, dass sie schon keine Angst mehr haben. Sie leben schon lange in Quarant\u00e4ne, seit mein Vater vor ein paar Jahren seinen F\u00fchrerschein abgab. Sie bleiben in ihrem Haus, der Pflegedienst kommt, meine Geschwister versorgen sie mit Dingen des t\u00e4glichen Bedarfs. Ich wollte hinfahren und die Blumenbeete machen. Wir wollten mit den Kindern \u00fcber Ostern hin. Daraus wird nichts. Aber meine Eltern klagen nicht. Sie haben eine besondere Art von Ergebenheit, \u201eet k\u00fctt wie\u2018t k\u00fctt\u201c, sagt der Rheinl\u00e4nder. Als die L\u00e4den schlie\u00dfen und die Ausgangsbeschr\u00e4nkungen kommen, rufe ich meine Mutter an. Es ist wie 39, sagt sie, als die sich einbildeten, sie m\u00fcssten den Krieg anfangen und sich halb Europa unter den Nagel rei\u00dfen.\u201c Sie erz\u00e4hlt von einem M\u00e4dchen, das bei ihnen zu Besuch war und sofort zur\u00fcck nach Hause musste. Die Eltern hatten Angst, dass sie sonst nicht zur\u00fcckkommen k\u00f6nnte. \u201eDamals gab es auch gleich nicht mehr alles zu kaufen\u201c, sagt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Unterricht fand nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig statt. Ein andermal erz\u00e4hlt sie, eine Zeitlang sei ein M\u00e4dchen aus Frankfurt in dem hunsr\u00fccker Dorf gewesen. Sp\u00e4ter h\u00e4tten die Eltern es zur\u00fcckgeholt. Es sei mit dem Haus verbrannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die alten Leute brauchen keine Kriegsrhetorik, sie denken auch so an daran. Vielmehr denken sie aber an das Leid. Der Grund scheint austauschbar. Meine Mutter sagt auch: Das Ende der Welt kommt. Zwar langsam, aber es kommt. Sie findet es richtig, denn die Welt ist aus den Fugen. Da werden nach Schweined\u00e4rme zum Waschen nach China geschickt und kommen dann ges\u00e4ubert zur\u00fcck f\u00fcr unsere Wurst. Eine Frau, die selbst noch D\u00e4rme gereinigt hat, kann dar\u00fcber nur den Kopf sch\u00fctteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittags koche ich was f\u00fcr meine T\u00f6chter und f\u00fcr mich. Nachher gehe ich mit der J\u00fcngsten raus, wir spielen ein bisschen oder machen Sport, sie hat vom Hockey einen Heimtrainingsplan bekommen. Ich gebe den Clown, ich versuche irgendeine bl\u00f6de Leichtigkeit in den Tag zu bekommen. Die Elfj\u00e4hrige lacht, macht selber Scherze. Ich lache auch. Die Leute drau\u00dfen, an einem Sonnennachmittag auf der Theresienwiese, sind gut drauf. Sie treiben Sport, es sind nicht weniger, es sind mehr Menschen als sonst drau\u00dfen. Niemand ist krank, so weit sich das beurteilen l\u00e4sst. Die Seuche f\u00fchlt sich wie ein Fake an. Dann landet der Hubschrauber auf der Wiesn, Feuerwehr, Notarzt, Polizei sind da wie immer. Gibt es noch Verkehrsunf\u00e4lle? Oder ist das ein Patient, der dringend beatmet werden muss? Zu F\u00fc\u00dfen der Bavaria steht die mobile Teststation, weitr\u00e4umig mit einem Bauzaun abgesperrte Zelte. Ein paar Autos fahren hin und weg. In den ersten Tagen war das eine lange Schlange von Wagen, die oben von der Stra\u00dfe an der Bavaria vorbei die Rampe hinabfuhren. Ein Bild wie bei Edgar Reitz, als die Hunsr\u00fccker nach dem Hungerwinter wegziehen Richtung S\u00fcdamerika und lange Wagenreihen durch die Landschaft schneiden. Der Bauzaun war anfangs mit wei\u00dfen Planen verh\u00e4ngt und es kam mir vor, als w\u00fcrden die Fahrer der Autos sich einer nach dem anderen dem Moloch, dem Tode einh\u00e4ndigen. Ich fahre nicht gern daran vorbei, und wenn, mit Abstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Abends st\u00fcrzt die Welt \u00fcber meiner Tochter ein und ich spiele Atlas. Viel Nacken habe ich nicht, will mir scheinen. Sie n\u00e4ht Masken f\u00fcr uns, von Hand, weil die Maschine kaputt ist. Kann man noch N\u00e4hmaschinen reparieren lassen? Meine Brille geht kaputt, wir kleben sie. Hat der Optiker noch auf? Das sind so Fragen, die pl\u00f6tzlich eine Schwere haben, unl\u00f6sbar scheinen. Ich will nicht dr\u00fcber spekulieren m\u00fcssen, ob die Reparatur einer Brille noch gelingen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr meine gr\u00f6\u00dfere Tochter gehe ich ins Sanit\u00e4tshaus, ihre Schiene muss angepasst werden. Am Eingang spritze ich mir Desinfektionsmittel zun\u00e4chst versehentlich auf den \u00c4rmel, dann auf die H\u00e4nde. Der Hinweis auf den Aufzug, kommt mir vor wie eine Order, ich nehme statt der Treppe ihn. Den Knopf muss ich gedr\u00fcckt halten, damit er nicht stehen bleibt. W\u00e4hrend ich also eine halbe Minute lang dr\u00fccke, frage ich mich, wie viele Viren in der Zeit vom Liftknopf auf meine Finger \u00fcbergehen k\u00f6nnten. Nachher werde ich mir sicher die Augen reiben, ich denke nicht immer daran, es bleiben zu lassen. Vor der Theke im ersten Stock ist mit Klebeband eine Linie gezogen. Ich beuge mich vor, um etwas auf der Theke abzustellen, beuge mich wieder zur\u00fcck. Die Frau vom Sanit\u00e4tshaus scheint entspannt, wir grinsen d\u00e4mlich. Wir tun etwas, das zugleich gut und absurd erscheint. Sicher halten wir uns beide f\u00fcr gesund und unser Gegen\u00fcber nicht f\u00fcr gef\u00e4hrlich. Trotzdem machen wir diese Verrenkungen, sprechen leicht zur Seite, nicht zu laut. Blo\u00df nicht den anderen mit dem eigenen Atem treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich atme mit unglaublicher Wonne. Die Luft ist ja rein, aber das macht es nicht aus. Ich habe mich im Verdacht, mein Atmenk\u00f6nnen zu genie\u00dfen. Die Offenheit der Lunge. Es ist ein schuldiger Genuss. Ich lese etwas \u00fcber Beatmung, was es mit Menschen macht, das auch nur zwei Tage nicht selbst zu tun. Ich bin mal wieder bedient. Im Fernsehen erkl\u00e4rt ein Arzt, wie Menchenblut aus der Leiste ausgeleitet und \u201eoxygeniert\u201c, dann wieder eingeleitet wird. In den Nachrichten werden wieder Milit\u00e4rlaster gezeigt, dazu ein Kommentar, der sagt, was ihre Ladung sei. \u00dcber achthundert Tote in Italien binnen 24 Stunden, daf\u00fcr steht ein Bild mit sechs bis acht Holzs\u00e4rgen. Warum kann ich tausend f\u00fchlen, wenn ich sechs sehe? Das bleibt ein R\u00e4tsel. Bilder aus Kliniken tauchen auf, sie zeigen technisches Ger\u00e4t, bevorzugt Schl\u00e4uche. Einmal ein Haarschopf, einmal ein halbes Gesicht. Menschen erkennbar zu zeigen, ist nur mit deren Einverst\u00e4ndnis erlaubt. Reicht das schon aus, um diese Bilder zu erkl\u00e4ren? Warum wirkt ein Intensivbett so trostlos, noch dazu ein leeres? Wo sind die Menschen, wo sind die Leidenden? Ich sehe keine Kranken in den Medien. Wo findet das alles statt?<\/p>\n\n\n\n<p>Jeden Tag gibt es neue W\u00f6rter. Krankheit und Erreger sind so kompliziert benannt, dass niemand die richtigen Begriffe verwenden mag. Auf einmal sind systemrelevante Menschen unter uns, wom\u00f6glich direkt neben oder in Personalunion mit Superspreadern. FFP2 wird ein g\u00e4ngiger Begriff. Das sind die W\u00f6rter zu den Bildern, gruselig und steril zugleich. Auch alte Wendungen tauchen auf, in meinem Kopf zumal: Wenn jemand au\u00dferordentlich viel a\u00df, pflegte meine Mutter zu sagen: der isst, als w\u00fcrde es morgen nichts mehr geben. Auf einmal ahne ich, wie viel Erfahrung darin aufgehoben ist. Die leeren Regale sind sichere K\u00fcnder \u2013 wie 39, als es \u201egleich\u201c nicht mehr alles zu kaufen gab, obwohl bis tief in den Krieg hinein in Nazi-Deutschland wenig Not herrschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Maske, die meine Tochter mir gen\u00e4ht hat, ist zu klein f\u00fcr mich. Sie sagt es gleich, bevor ich sie noch anprobiert hab, sie hat recht. Sie will mir eine zweite n\u00e4hen. Die Leute drau\u00dfen, mit ihren T\u00fcchern, schlampig vorgebundenem, manchmal schon angegrautem Mundschutz, wirken besonders niederschmetternd. Sind das die Kranken? Sind das die Menschen, die bereits kapituliert haben, anerkennen, dass das Virus st\u00e4rker ist als sie? Sind es die Dummen, die sich Keimfabriken vor die Nase h\u00e4ngen, oder die Klugen, die wissen, wie man sich und andere sch\u00fctzt? Den gr\u00f6\u00dften Bogen mache ich um jene. Zwei Meter reichen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie leicht aus Menschen auf der Stra\u00dfe Feinde werden k\u00f6nnen, Regel\u00fcbertreter oder \u00dcbergeneralisierer. Ich begreife, dass etwas st\u00e4rker ist als wir. Das ist es immer, nur wir vergessen es sonst. Diese Tatsache anzuerkennen, hei\u00dft aber nicht, damit einverstanden zu sein. Ich protestiere, im Namen meiner Freunde in Italien, in den USA, in Spanien, wohin die F\u00e4den heute nur noch lose sind. Ich bin dankbar, dass die Kinder meistens verschont bleiben, und dennoch emp\u00f6rt, dass es die Alten trifft. Es soll niemanden treffen! Ich protestiere. Jeder Tote ist einer zu viel. Jeder Lebende ist eine Freude. Sie alle haben ein Gesicht. Ihr Lebenden alle, vergesst sie nicht. Vergesst euch nicht, ihr Menschen, ihr Lieben alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Euer Thomas Lang<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00fcnchen, 1.4.2020 Ihr Lieben alle, ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich mal heule, wenn irgendein Regierungschef was sagt. Aber gestern, als G. Conte der Tagesschau ein Interview gab, hatte ich Tr\u00e4nen in den Augen. Es war es beinah schon egal, was er sagte. 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