{"id":146,"date":"2021-05-03T10:22:35","date_gmt":"2021-05-03T10:22:35","guid":{"rendered":"http:\/\/thomaslang.net\/?p=146"},"modified":"2021-05-03T10:22:35","modified_gmt":"2021-05-03T10:22:35","slug":"die-zeit-des-wuenschens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/thomaslang.net\/?p=146","title":{"rendered":"Die Zeit des W\u00fcnschens"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Am 15. April 2020 sendete die Bayern-2-Kulturwelt einen Essay von mir, den zweiten aus der ersten Zeit des Covid-Schocks. Hier stelle ich ihn noch mal ein f\u00fcr alle, die ihn nachlesen m\u00f6chten:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Seit Wochen habe ich nicht mehr geh\u00f6rt, dass M\u00fcnchen die n\u00f6rdlichste Stadt Italiens sei. Nachmittags auf der Piazza zu sitzen, mit den Nachbarn zu plaudern und einen Bitter zu genie\u00dfen \u2013 dieses Bild war vielleicht fr\u00fcher schon etwas gesch\u00f6nt, und f\u00fcr die Nachahmung fehlte uns letztlich die Lebensart. Nun verschwindet aber das echte Italien in einem gierigen Schlund, der r\u00fclpsend die Knochen seiner Mahlzeit hochw\u00fcrgt \u2013 leere Pl\u00e4tze, Bilder von Milit\u00e4rlastern und Ansammlungen nur noch von S\u00e4rgen. Das war vor zwei Wochen; von diesen Bildern haben wir uns abgewandt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch von den Zahlen haben wir uns abgewandt, sie haben ihre F\u00e4higkeit eingeb\u00fc\u00dft, unser Mitleid zu erregen, sie faszinieren uns nicht mehr. Die Europ\u00e4ische Gemeinschaft leistet ihren Offenbarungseid, indem sie um Milliarden zankt und ihre einzig \u00fcbrige Idee die Wirtschaft ist. Sie zeigt sich unf\u00e4hig, nur tausend Kinder aus Fl\u00fcchtlingslagern aufzunehmen, wo selbst die Zigtausend, die auf den griechischen Inseln ausharren, in unseren Bev\u00f6lkerungen unmerklich Platz finden w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gebot der Stunde lautet Solidarit\u00e4t. Verbundenheit. Wie zeige ich sie und mit wem? Praktisch jede unsere Handlungen wird unter diesem Gesichtspunkt gesch\u00e4rft. Wie viele Lebensmittel kaufe ich ein und wie viel lasse ich f\u00fcr die anderen? Wie genau nehme ich es mit dem Abstandhalten? Schlie\u00dfe ich noch meine Kinder in den Arm, wenn ich ein Kratzen im Hals sp\u00fcre? Mache ich meine Grillparty im Hof und hoffe, dass mich keiner verpfeift, oder lass ich es lieber bleiben? Diese Fragen sind keineswegs trivial. Lassen wir uns den Mund verbinden oder gleich verbieten? Muss ich mich dem Kollektiv \u00fcberlassen oder darf ich noch eine individuelle Haltung pflegen? Was sind die Kosten?<\/p>\n\n\n\n<p>Nehmen wir zum Beispiel die Schutzmasken, einfache Sorte, auch Mund-Nasen-Schutz oder MNS genannt. Das Robert-Koch-Institut schreibt, dass die Schutzwirkung dieser Masken, nicht erwiesen sei. Dennoch k\u00f6nnten sie bei akuten Atemwegsinfektionen helfen,<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; \u201edas Risiko zu verringern, andere Menschen anzustecken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das klingt nach einem naturwissenschaftlichen Jein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und so geht es mit einer unendlichen Reihe von Dingen. Was macht es mit Dementen, wenn ihre N\u00e4chsten sie nicht mehr besuchen d\u00fcrfen. Wie bringt man sie dazu, nicht mehr in die Zimmer anderer Bewohner zu laufen. Aber auch: Warum haben wir Heime, in denen weit \u00fcber hundert alte Menschen konzentriert sind? Was macht es mit unseren Kindern, ihre Freunde nicht mehr sehen zu d\u00fcrfen und keinen geregelten Unterricht zu haben? Meine j\u00fcngste ist schon zwei Monaten nicht mehr zur Schule gegangen. Wie viel muss ich daheim sein, um sie unterst\u00fctzen, und wie viel an meinem Arbeitsplatz, um sie mitzuern\u00e4hren?<\/p>\n\n\n\n<p>Was bedeutet Verbundenheit? Ich k\u00fcmmere mich um meine eigene Familie, das ist einfach. Aber schon hier kann es Risse geben, kleine Verteilungsk\u00e4mpfe oder abweichende Vorstellungen \u00fcber die Frage, wie streng die Einschr\u00e4nkungen f\u00fcr Ausgehen, Einkaufen, Kontakt mit anderen Menschen einzuhalten sind. Wie stelle ich mich zu den Autorenkollegen, deren B\u00fccher dieses Fr\u00fchjahr im Nirgendwo stranden, kann ich Ihnen beistehen, muss ich f\u00fcr sie zur\u00fcckstehen und darf ich mich selbst noch \u00e4u\u00dfern, ohne ihnen das Letzte an Aufmerksamkeit zu stehlen? Muss ich Gutscheine kaufen, damit geschlossene Gesch\u00e4fte sp\u00e4ter wieder \u00f6ffnen k\u00f6nnen, soll ich die immunschwachen V\u00f6lker Brasiliens in den Blick nehmen oder lieber auf die Senioren in der Nachbarschaft achtgeben?<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles ist nicht neu, wir w\u00e4gen Tag f\u00fcr Tag die Dinge ab. Neu oder besonders ist die Dimension. Denn eine falsche Abw\u00e4gung kann Leben kosten. Und wir wissen nicht in jedem Fall, wo unsere individuelle Verantwortung beginnt und wo sie endet.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen das Unwissen spreche ich W\u00fcnsche aus. Ich w\u00fcnsche mir von der Politik, dass sie sich \u00fcber das Symbolische hinaus solidarisch zeigt, gegen\u00fcber unsern Freunden in Italien und Spanien und weiter weg. Ich w\u00fcnsche mir, dass wir nicht gespalten werden in eingesperrte Alte und Kranke hie und frei lebende Gesunde und Junge da.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche mir, dass man uns Verantwortlichkeit zutraut, statt aus dem Smartphone eine elektronische Fu\u00dffessel zu machen. Ich w\u00fcnsche mir, dass die Luft rein bleibt und mancher Jogger und Radler weniger stur wird. Ich w\u00fcnsche mir, dass wir weiterhin die Vielen bleiben, die sich freundlich und leicht verlegen begegnen nach dem Motto: nimm\u2019s mir nicht \u00fcbel, wenn ich einen Bogen um dich mache. Ich w\u00fcnsche mir, dass wenig Leute sterben, vom Rhein bis an den Amazonas, den Hudson River, den Jang-Tse, den Kongo. Ich will an andere denken und ich w\u00fcnsche mir, dass andere auch mich nicht vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn diese Zeit ist auch voll Hoffnung auf unsere Findigkeit und Kraft. Es gibt viel anzupacken, und sei es vorerst nur vom bl\u00f6den Schreibtisch aus.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 15. April 2020 sendete die Bayern-2-Kulturwelt einen Essay von mir, den zweiten aus der ersten Zeit des Covid-Schocks. Hier stelle ich ihn noch mal ein f\u00fcr alle, die ihn nachlesen m\u00f6chten: Seit Wochen habe ich nicht mehr geh\u00f6rt, dass M\u00fcnchen die n\u00f6rdlichste Stadt Italiens sei. 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