{"id":148,"date":"2021-05-03T10:32:15","date_gmt":"2021-05-03T10:32:15","guid":{"rendered":"http:\/\/thomaslang.net\/?p=148"},"modified":"2022-11-02T08:22:01","modified_gmt":"2022-11-02T08:22:01","slug":"brief-an-meine-eltern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/thomaslang.net\/?p=148","title":{"rendered":"Brief an meine Eltern"},"content":{"rendered":"\n<p>Ende <strong>April 2020<\/strong> schrieb ich den dritten und letzten Essay, in dem ich mich mit der ersten Zeit der Pandemie befasst habe. Mein Vater ist wenige Wochen darauf &#8211; nicht an Covid &#8211; verstorben. Der Brief erschien im Magazin <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.fischerverlage.de\/magazin\" target=\"_blank\">Hundertvierzehn<\/a> des Fischer-Verlags.<\/p>\n\n\n\n<p>Liebe Eltern,<\/p>\n\n\n\n<p>dies ist der erste Brief, den ich euch seit etwa vierzig Jahren schreibe. Vor \u00fcber drei\u00dfig Jahren haben unsere Wege sich getrennt, ich bin am Main und sp\u00e4ter an der Isar gelandet, ihr wohnt seit Ewigkeiten nicht allzu weit vom Rhein. Dort harrt ihr aus, du, Vater, seit neunzig Jahren in demselben Ort. Ich kann mich noch erinnern, ich war zehn, dass wir ein Telefon bekamen. Bis dahin kam die Nachbarin, wenn jemand anrief, und holte uns. Heute liegt ein Glasfaserkabel in eurem Keller, der Router h\u00e4ngt an der Wand, doch ihr wollt kein Internet. Ihr braucht kein Smartphone, das Festnetz und der Fernseher reichen euch aus. Und mir reichten drei, vier Besuche jedes Jahr \u2013 f\u00fcr ein paar Tage, seit achtzehn Jahren meistens mit Familie oder wenigstens den Kindern. Du, Mutter, wurdest neunzig, wir feierten im Januar mit Kindern, Enkeln und dem Urenkel. Wir hatten keine Vorstellung davon, wie sich bald alles \u00e4ndern sollte. Die Feier wollten wir nicht auslassen, weil es die letzte sein k\u00f6nnte. Aber das war auch bereits seit Jahren so.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum n\u00e4chsten neunzigsten im Mai wird es nun keine Feier geben. Die Blumenbeete blieben dieses Fr\u00fchjahr liegen, es w\u00e4chst, was w\u00e4chst. Ihr bleibt im Haus, da lebt ihr sowieso ganz vorwiegend, seit das Auto nur noch in der Garage steht. Der Pflegedienst kommt jeden Tag, meine Geschwister bringen Lebensmittel und helfen euch im Alltag. Kontaktbeschr\u00e4nkungen sind euch nicht neu. Ihr sagtet mir am Telefon, dass ihr keine Angst vor dieser Krankheit h\u00e4ttet. Ihr erwartet ja den Tod und vielleicht haben wir Kinder mehr Angst vor eurem Sterben als ihr selbst. Als ihr aufwuchst, herrschte Krieg, ihr habt schlimmere Tage gesehen. Vielleicht r\u00fchrt daher eure Gelassenheit oder eher, will mir scheinen, Ergebenheit, eure Haltung, gegen die ich schon oft protestiert habe, man m\u00fcsse alles nehmen, wie es kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist es also so gekommen. Wir sind beschr\u00e4nkt, das ist f\u00fcr die, die nach euch kamen, ein seltsames Gef\u00fchl. Wir kriegten die mildeste Ahnung von dem, was Mangel hei\u00dfen k\u00f6nnte, was Ausgangssperre, was willk\u00fcrliches Sterben. Ich kenne das von euren Geschichten, und ohne etwas in der Art erlebt zu haben, sp\u00fcre ich: Es ist kein Vergleich. Doch etwas schwingt, ihr redet pl\u00f6tzlich wieder davon, wie der Krieg begann, wie die Gesch\u00e4fte sich leerten, wie die Leute verschwanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir dagegen erleben ein Als-ob. Ich kenne Leute, die seit vielen Wochen quasi eingesperrt sind &#8211; wir haben Freunde in Mailand, in New York, in Paris. Ich wei\u00df, dass sie die Sense lauter sausen h\u00f6ren als wir, dass Tausende Gestorbene sich als Zahl auf einen senken k\u00f6nnen wie ein schweres nasses Tuch. Zum Gl\u00fcck sind sie alle \u201esafe\u201c; pers\u00f6nlich kenne ich keinen, wei\u00df von keinem, der oder die schwer krank oder tot w\u00e4re. Das Sterben ist so unsichtbar, dass schon behauptet wurde, die Rate h\u00e4tte sich nicht mal erh\u00f6ht. Gerade lesen wir: Sie ist gestiegen. Es sterben Abertausende mehr als \u00fcblich. Sie bleiben nur unseren Blicken entzogen. Die gruseligen Lkw-Kolonnen, die man von Italien zeigte (ihr habt\u2019s im Fernsehen auch gesehen), die in Plastik geh\u00fcllten Toten, die man in New York mit Gabelstaplern in die K\u00fchlwagen hob, werden wohl das ikonografische Bild der Seuche bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber hat nicht der Ausnahmezustand auch etwas Angenehmes? Die wirtschaftliche Bedrohung hat viele schon erfasst, f\u00fcr viele steht sie jedoch noch unscharf im Hintergrund. Das menschliche Kalk\u00fcl: vielleicht entkomme ich, vielleicht geht es ja gut. Das tr\u00e4gt uns weiter. (Ihr w\u00fcrdet eher sagen: es kommt, wie es kommt.) Nie zuvor bin ich so gern durch die Stadt geradelt wie heute, fast jeden Tag f\u00fcr ein paar Stunden ins B\u00fcro. Nie habe ich die reine Luft lieber eingesogen, den blanken Himmel am Tag wie in der Nacht betrachtet, nie war die Ruhe einer Metropole sch\u00f6ner und schmerzhafter in Einem.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Wochen unterrichte ich eure j\u00fcngste Enkelin und lerne selbst manches dabei. Es ist eine Herausforderung, weil viel Arbeitszeit verloren geht bzw. ich meinen Tag verl\u00e4ngern muss, bis ich abends ersch\u00f6pft bin. Aber es ist auch eine K\u00f6stlichkeit, so nah und ausgedehnt mit meinem Kind zusammen zu sein, von seinen Stimmungswechseln, seinem Seelenleben so viel mehr mitzukriegen als sonst. Ich denke jetzt manchmal daran, wie ich, im gleichen Alter, bei euch (damals bei uns) daheim am K\u00fcchentisch sa\u00df und meine Aufgaben machte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wieder \u00fcberf\u00e4llt es mich, besonders morgens, bevor die anderen aufstehen: die Welt ist aus den Fugen. Sie k\u00f6nnte noch viel mehr aus den Fugen gehen, sie k\u00f6nnte untergehen, wie wir sie kennen. Die Toten sind real. Ich denke wieder an euch, und wie gef\u00e4hrdet ihr trotz allem seid. Ich denke zur\u00fcck an meine erste T\u00e4tigkeit, als ich euer Haus verlie\u00df \u2013 meinen Zivildienst in einem Altersheim. \u201eSeniorenwohnpark\u201c nannte sich das.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich gut, wie es war, wenn jemand von den alten Leuten auf unserer Station damals starb. Und es fasst mich an, ich kriege weiche Knie, wenn ich mir Heime vorstellen muss, deren Bewohner gerade zu Dutzenden weggerafft werden. Als w\u00fcrde einer durch die Flure gehen und links und rechts mit einem Fingerschnippen die K\u00f6pfe hint\u00fcberkippen lassen auf ihre Brust. \u2013 Genauso falsch f\u00fchlt es sich an. Deshalb mache ich alles mit, was uns jetzt \u201ezugemutet\u201c wird. Ich will, dass es sofort und f\u00fcr immer aufh\u00f6rt. Sicherheit ist immer auch die Sicherheit der anderen. Sie ist es zur Zeit in ganz erster Linie. Ich wei\u00df, dass ich nicht der einzige bin, der so denkt. Ich schreibe es euch, ohne zu wissen, ob ihr so denkt, ob es f\u00fcr euch diese Bedeutung hat. Das ist mehr ein Als-ob.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt beh\u00fctet, liebe Eltern. Ich verstehe nun etwas mehr von euch, von eurer alten Angst, von der Beschr\u00e4nkung, mit der ihr aufgewachsen seid. Ich hoffe, wir sehen uns noch in diesem Jahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende April 2020 schrieb ich den dritten und letzten Essay, in dem ich mich mit der ersten Zeit der Pandemie befasst habe. Mein Vater ist wenige Wochen darauf &#8211; nicht an Covid &#8211; verstorben. Der Brief erschien im Magazin Hundertvierzehn des Fischer-Verlags. 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