{"id":239,"date":"2025-12-02T12:14:02","date_gmt":"2025-12-02T12:14:02","guid":{"rendered":"https:\/\/thomaslang.net\/?p=239"},"modified":"2025-12-06T12:38:52","modified_gmt":"2025-12-06T12:38:52","slug":"aktion-fuer-ein-freies-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/thomaslang.net\/?p=239","title":{"rendered":"Aktion f\u00fcr ein freies Leben in einem freien Gedankenraum"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"540\" src=\"http:\/\/thomaslang.net\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/halle-25-3-1024x540.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-238\" srcset=\"http:\/\/thomaslang.net\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/halle-25-3-1024x540.jpeg 1024w, http:\/\/thomaslang.net\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/halle-25-3-300x158.jpeg 300w, http:\/\/thomaslang.net\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/halle-25-3-768x405.jpeg 768w, http:\/\/thomaslang.net\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/halle-25-3.jpeg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 9.11.25 waren wir in Halle aktiv. Im Anschluss an das Wir!-Festival haben wir Zettel mit Zitaten j\u00fcdischer Autorinnen und Autoren verteilt und dazu eine kleine Umfrage gemacht. Wir standen eine Stunde lang vor dem Hauptbahnhof, sp\u00e4ter auf dem Marktplatz. Mit einigen Passant*innen kamen wir dabei in ausf\u00fchrliche Gespr\u00e4che. Andere hatten es eilig oder wollten unsere Handzettel nicht annehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ausgew\u00e4hlten Zitate schienen uns schmerzlich gut zur angespannten politischen und kulturellen Lage im Land zu passen. In der Literatur sind von Heinrich Heine \u00fcber Kurt Tucholsky, Erich M\u00fchsam oder Klaus Mann bis hin zu Grete Weil und Gerty Spies eine Menge Erfahrungen gespeichert, auch Bef\u00fcrchtungen und Hoffnungen, die uns heute Anst\u00f6\u00dfe geben k\u00f6nnen, uns f\u00fcr ein freies Leben in einer offenen Gesellschaft zu engagieren.<\/p>\n\n\n\n<p>So in etwa sahen die Zettel aus (Vorder- und R\u00fcckseite):<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"724\" src=\"http:\/\/thomaslang.net\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Wachtraum-Tucholsky-Esel-VuR-pdf-1024x724.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-240\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Und das sind die Zitate:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Heinrich Heine<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;Ich liebe Deutschland und die Deutschen; aber ich liebe nicht minder die Bewohner des \u00fcbrigen Teils der Erde, deren Zahl vierzigmal gr\u00f6\u00dfer ist als die der Deutschen. Die Liebe gibt dem Menschen seinen Wert. Gottlob! ich bin also vierzigmal mehr wert als jene, die sich nicht aus dem Sumpfe der Nationalselbstsucht hervorwinden k\u00f6nnen und die nur Deutschland und Deutsche lieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Vaterland ist ein gesegnetes Land; es wachsen hier freilich keine Zitronen und keine Goldorangen, auch kr\u00fcppelt sich der Lorbeer nur m\u00fchsam fort auf deutschem Boden, aber faule \u00c4pfel gedeihen bei uns in erfreulichster F\u00fclle, und alle unsere gro\u00dfen Dichter wu\u00dften davon ein Lied zu singen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Aber das Entsetzliche ist von unserem Vaterlande, durch die Weisheit und Kraft des Frankfurter Bundestages, gl\u00fccklich abgewendet worden; es wird hoffentlich keine Revolution in Deutschland aus-brechen, vor der Guillotine und allen Schrecknissen der Pre\u00dffreiheit sind wir bewahrt, sogar die Deputiertenkammern \u2026 werden abgeschafft, und die Kunst ist gerettet. F\u00fcr die Kunst wird jetzt in Deutschland alles m\u00f6gliche getan &#8230; Die Museen strahlen in sinnreicher Farbenlust, die Orchester rauschen, \u2026 mit tausendundeiner Novelle wird das Publikum erg\u00f6tzt, und es bl\u00fcht wieder die Theaterkritik.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kurt Tucholsky<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wer waren unsre Ahnen? \/ Kaschubische Germanen. \/ Die zeugten zur Erfrischung \/ uns Promenadenmischung<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6n ist Beisammensein. Die Haut friert nicht. Alles ist leise und gut. Das Herz schl\u00e4gt ruhig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Der Deutsche f\u00e4hrt nicht wie andere Menschen. Er f\u00e4hrt, um recht zu haben. Dem Polizisten gegen\u00fcber; dem Fu\u00dfg\u00e4nger gegen\u00fcber, der es \u00fcbrigens ebenso treibt \u2013 und vor allem dem fahrenden Nachbarn gegen\u00fcber. R\u00fccksicht nehmen? um die entscheidende Spur nachgeben? auflockern? nett sein, weil das praktischer ist? Na, das w\u00e4re ja &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt alte Esel und junge Talente \u2013 Geburtsscheine sind keine Argumente.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erich M\u00fchsam<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die immer wiederkehrende Verleumdung der Juden als Christenm\u00f6rder ist ein fester Bestandteil der Judenverfolgung \u00fcberhaupt. Der Antisemitismus ist die schimpflichste und gemeinste Bewegung aller Zeiten. Aller Friede und alle Menschenwohlfahrt kann nur er-reicht werden durch die Verb\u00fcndung der V\u00f6lker in gemeinsamen Bestrebungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Der Antisemitismus verhindert diese Entwicklung, da er systematisch ein Volk bek\u00e4mpft, das, zwischen alle V\u00f6lker verstreut, an der Kultur aller V\u00f6lker den st\u00e4rksten Anteil hat. Sein Kampf ist \u2026 ein schleichendes Verleumden. Der Antisemitismus ist der ehrloseste Kampf, der je gef\u00fchrt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Wie er [der Oberlehrer] seine Frau zur Korrektheit erzog, habe ich auch einmal in Florenz an einem der hei\u00dfesten Tage \u2026 belauscht. Die Dame bestellte in einem Caf\u00e9 eine Eisschokolade. Ihr Gatte aber, der ein deutscher Universit\u00e4tsprofessor, etwa aus Halle an der Saale, gewesen sein muss, belehrte sie: \u00bbDas wirst du nicht trinken! Du siehst doch, kein Mensch trinkt Eisschokolade. Das kann man wohl in Rom oder Neapel tun, aber in Florenz doch nicht mehr!\u00ab Als ich darauf vernehmlichen Tones Eisschokolade verlangte, warf er mir einen vernichtenden Blick zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Gott ist kein Ding unm\u00f6glich. Um das zu beweisen, schuf er den Staat. Das ist ein abstrakter Begriff mit konkreten F\u00e4higkeiten. Ein Abstrakt, das befehlen, verbieten, richten und strafen kann. Ein bis an die Z\u00e4hne bewaffnetes Abstrakt, dessen treuer Diener zu sein sich der Mensch zur Ehre anrechnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist nicht gleichg\u00fcltig, wie die aus\u00fcbende Gewalt eines Staates organisiert ist. Es ist aber nicht notwendig, da\u00df sie immer reaktion\u00e4r gesinnt ist \u2013 ich kann mir sehr wohl denken, da\u00df sie gut republikanisch, antiimperialistisch und demokratisch denkt und doch stramm f\u00fcr Ordnung und Ruhe eintritt \u2013 wenns unbedingt sein mu\u00df, auch mit Waffengewalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Verh\u00f6r<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sie hei\u00dfen?, fragte mich der Direktor. \/ Ich nannte den Namen. \/ Geboren? \/ Ja \/ Wann?, meine ich. \/ Ich nannte das Datum. \/ Religion? \/ Geht sie nichts an. \/ Schreiben sie also: mosaisch \/ \u2013 Der Beamte schrieb. \/ Was tun Sie? \/ Ich dichte. \/ Wa\u2013s? \/ Ich trinke. \/ Delyriker!, schrieb der Beamte \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Er wurde sehr heftig; bezeichnete die Fascisten ab-wechselnd als \u201eTiere\u201c, \u201eTeufel\u201c und \u201eIdioten\u201c und er-ging sich in den zornigsten Redensarten \u00fcber jene Intellektuellen, die aus gemeinem Opportunismus mit dem militanten Nationalismus sympathisierten. \u201eDie sollten alle aufgeh\u00e4ngt werden!\u201c rief Hendrik, wobei er sogar auf den Tisch schlug. Der Geheimrat sagte, gleichsam beschwichtigend: \u201eJa ja \u2013 auch ich habe Unannehmlichkeiten gehabt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas alles wird gr\u00e4\u00dflich enden \u2026 Es wird das Schlimmste geschehen, denkt an mich, Kinder, wenn es da ist, ich habe es vorausgesehen und vorausgewu\u00dft. Diese Zeit ist in Verwesung, sie stinkt \u2026 Mich t\u00e4uscht man nicht. Ich sp\u00fcre die Katastrophe, die sich vorbereitet. Sie wird beispiellos sein. Sie wird alles verschlingen, und um keinen wird es schade sein, au\u00dfer um mich. Alles, was steht, wird zerbersten. Es ist morsch. Ich habe es bef\u00fchlt, gepr\u00fcft und verworfen. Wenn es st\u00fcrzt, wird es uns alle begraben. Ihr tut mir leid, Kinder, denn ihr werdet euer Leben nicht leben d\u00fcrfen. Ich aber habe ein sch\u00f6nes Leben gehabt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klaus Mann<\/strong> <strong>(aus &#8222;Mephisto&#8220;)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So gef\u00e4hrliche Dinge pflegte er sonst in der Kantine nicht auszusprechen, besonders nicht, wenn Kroge in der N\u00e4he war. Heute aber lie\u00df er sich gehen \u2013 freilich nicht bis zu dem Grade, da\u00df er gar zu laut gesprochen h\u00e4tte. Es blieb bei einem heftigen Fl\u00fcstern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des ganzen Nachmittags beklagte er den totalen Mangel an Disziplin, der die Epoche so traurig charakterisiere. Dabei ward er nicht m\u00fcde, auf h\u00f6chst intensive Art die gleichen Feststellungen und Ausrufe unz\u00e4hlige Male zu wiederholen. Immer wieder versicherte er: \u00bbNirgends Pers\u00f6nlichkeiten! Es gibt nur mich! Mit welcher Sorgfalt ich auch Umschau halte \u2013immer wieder finde ich nur <em>mich!<\/em>\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Nun bereute er es, die Er\u00f6ffnung des Revolution\u00e4ren Theaters immer wieder hinausgeschoben zu haben. Von Marder aber war er entt\u00e4uscht. Dieser unbarmherzige, hellsichtige und gef\u00e4hrliche Kritiker der bourgeoisen Gesellschaft zeigte sich, da man ihm nun von Mensch zu Mensch gegen\u00fcbersa\u00df, als ein Herr mit bedenklich reaktion\u00e4ren Neigungen &#8230; Hatte er nicht mit jenen Figuren, die er in seinen St\u00fccken verh\u00f6hnte, viele Eigenschaften gemeinsam? Nun lobte er die gute alte Zeit, in der er jung gewesen und mit der die neue, oberfl\u00e4chliche, verkommene in keinem Punkte sich messen k\u00f6nne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">*<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie zum letzten Mal im Staatstheater auftrat, spielte sie die Minna von Barnhelm: so deklamierte sie, ehe sie in den Palast des Fliegergenerals \u00fcbersiedelte, noch einmal die S\u00e4tze eines Dichters, den ihr Gemahl und seine Spie\u00dfgesellen hetzen und verfolgen lassen w\u00fcrden, lebte er heute und hier.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 9.11.25 waren wir in Halle aktiv. Im Anschluss an das Wir!-Festival haben wir Zettel mit Zitaten j\u00fcdischer Autorinnen und Autoren verteilt und dazu eine kleine Umfrage gemacht. Wir standen eine Stunde lang vor dem Hauptbahnhof, sp\u00e4ter auf dem Marktplatz. Mit einigen Passant*innen kamen wir dabei in ausf\u00fchrliche Gespr\u00e4che. Andere hatten es eilig oder wollten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":{"0":"post-239","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"hentry","6":"category-uncategorized","8":"no-featured-image"},"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/thomaslang.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/239","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/thomaslang.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/thomaslang.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/thomaslang.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/thomaslang.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=239"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/thomaslang.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/239\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":244,"href":"http:\/\/thomaslang.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/239\/revisions\/244"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/thomaslang.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/thomaslang.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/thomaslang.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}